Viel zu oft sind Beziehungen für uns nur anstrengend. In einer Zeit von Individualisierungen erscheint Beziehung tatsächlich als Herausforderung. Unsere Zeit hat Begriffe wie „Beziehungsarbeit“ geprägt. In Vergessenheit ist geraten, das wir immer noch verbunden sind mit allem und jedem und das die Beziehung oft ein Ort der Heilung ist – ein Ort der Freude, des gemeinsamen sich Beschenkens. In unserer Praxis treffen wir immer wieder Menschen mit so einer unendlichen Sehnsucht nach Beziehung und gleichzeitigen Angst vor Abhängigkeiten und Unfreiheit. Eine Gemeinschaft, die Individualität nach oben stellt, funktioniert natürlich bestens mit der Angst vor Abhängigkeiten und der Angst unfrei zu sein. Und die individuellen und gesellschaftlichen Geschichten, die jede/r dazu hat, passen natürlich auch.
Was wir lange nicht gesehen haben ist, dass wir die Abtrennung von unserem ureigenen Wesen oft wie selbstverständlich als Preis für vermeintliche Freiheiten hinnehmen und damit einhergehend nicht selten den Nährboden für Krankheiten geschaffen haben.
Neurophysiologische Forschungen haben die Zusammenhänge zwischen lebendigen, kreativen Beziehungen und Gesundheit inzwischen sehr detailliert aufgezeigt. So zeigt sich, dass unser Wirken in der Praxis oft beziehungswirksam ist. Menschen fühlen sich geborgen, beginnen wieder in Beziehungen zu vertrauen und verabschieden sich von der Idee, getrennt sein zu müssen, um weiter zu kommen. Sie finden sich in Beziehungen und Verbindungen wieder und nicht nur allein in ihrer Wohnung, in ihrer Ehe und ihrer Welt. Sondern in einer gemeinsamen Welt voller Mitmenschen.
Auffällig ist es, wie viele Symptome verschwinden, wenn sich Menschen ihrem Wesen wieder zuwenden dürfen und wie viele Symptome durch Zuwendung und miteinander sein gehen dürfen, weil der menschliche Körper, das Gehirn auf diese Verbindung ungeheuerlich komplex reagieren und das, was wir Heilung nennen, geschieht.
Wie laut der Definition von Gesundheit der WHO deutlich wird, bezieht sich Gesundheit nicht ausschließlich auf den Einzelnen, sondern immer auch auf die Gesellschaft und das soziale Umfeld, in dem wir leben. Laut neueren Genforschungen wissen wir, dass in den Genen zwar alles bereitliegt, aber die Umwelt einen entscheidenden Faktor darstellt, um diese zu aktivieren. Das
Wechselspiel zwischen dem Individuum und der Umwelt scheint ein bisher außer Acht gelassener Aspekt zu sein, der nun mehr und mehr wieder in unseren Blick gerät. So geben wir laut dieser Forschungen nicht nur unsere Gene weiter, sondern auch die Beziehung zwischen unseren Genen und unserer Umwelt.
Wenn selbst die Genetik sich verabschiedet von einem individualistischen Blickwinkel und darum weiß, dass quasi Beziehungen vererbt werden und nicht nur die DNA an sich, wird es Zeit, dass wir auch gesellschaftlich wieder mehr auf diese Gesamtheit der Aspekt schauen. Beziehungen stellen eine fortlaufende Herausforderung und einen lebendigen Kreislauf für uns dar, dem es sich nicht zu entledigen gilt, sondern den es sich lohnt zu leben. Wir sind mit einer unendlichen Fülle an Leben verbunden – mit den unterschiedlichsten Qualitäten von menschlichem Sein, in der sich oft nicht nur die Abgründe des Lebens wiederspiegeln, sondern auch die Unendlichkeit der Möglichkeiten.
Es geht nach unseren Erfahrungen einfacher, wenn Menschen gestützt durch eine Gruppe ihren Weg weitergehen. Wir sind einfach nicht alleine. Wir können alleine sein, aber die Mischung zu finden aus „ich lausche in mein Herz, um dort Antworten zu finden“ und „ich bin im Kontakt mit anderen Menschen“ ist lebensnotwendig. Studien der Gehirnforschung legen nah, was nicht neu ist, aber
nun weiß es auch die Wissenschaft, dass Risikofaktoren, wie „falsche“ Ernährung, rauchen und zu wenig Sport für Menschen, die in glücklichen Zusammenhängen leben, wesentlich weniger risikobehaftet sind. D.h. Leben wir in glücklichen, kraft- und freudvollen Beziehungen, in denen wir uns nicht nur runterziehen, ist unser Gehirn so glücklich, dass die sogenannten Risikofaktoren gar nicht erst ihre Wirkung entfalten können und, was noch wichtiger ist: wenn wir wieder ein inspiriertes miteinander leben, kommen wir mit so vielen Dingen in Kontakt, die unsere
Bequemlichkeit sonst einfach ausschaltet, dass wir einen neuen Sinn im Leben entwickeln, der nicht nur der ist zu überleben, sondern das Leben voller Dankbarkeit tagtäglich gemeinsam mit anderen Menschen zu gestalten. In unserer täglichen Praxisarbeit ist es uns eine Herzensangelegenheit ein neues
Miteinander entstehen zu lassen und zu fördern, als weiterhin das Gegeneinander fortzusetzen. Anstatt Menschen immer weiter vereinsamen zu sehen, ist es wundervoll, Menschen gestalterisch in ihrem Leben und ihren Beziehungen wirksam werden zu erleben.


